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Seltene Erkrankungen: Schilddrüsenhormonresistenz (RTH)

Von Dr. med. Anna Sieger

Bei der Schilddrüsenhormonresistenz, kurz RTH (von englisch "Resistance to Thyroid Hormone"), reagieren die Körperzellen weniger empfindlich auf Schilddrüsenhormon, obwohl die Schilddrüse selbst normal arbeitet. Ursache ist meist eine Mutation im Gen des Schilddrüsenhormonrezeptors beta (THRB), seltener im THRA-Gen. Die Erkrankung wird autosomal-dominant vererbt und betrifft etwa eines von 40.000 Neugeborenen.

Das Besondere und diagnostisch Entscheidende: Im Blut finden sich erhöhte Werte von freiem T3 und T4, während der TSH-Wert normal oder sogar leicht erhöht ist – nicht supprimiert, wie man es bei einer echten Schilddrüsenüberfunktion erwarten würde. Genau diese untypische Konstellation führt oft dazu, dass die Erkrankung zunächst als Morbus Basedow oder andere Hyperthyreose fehlgedeutet wird.

Man unterscheidet zwei Hauptformen. Bei der generalisierten RTH sind sowohl die Hypophyse als auch die peripheren Gewebe unempfindlicher gegenüber Schilddrüsenhormon – der Körper kompensiert dies durch die erhöhten Hormonspiegel, sodass viele Betroffene klinisch nahezu unauffällig bleiben oder nur eine Struma (Kropf) zeigen. Bei der selektiv hypophysären RTH ist vor allem die Hypophyse betroffen, während die übrigen Gewebe normal auf die erhöhten Hormonspiegel reagieren – dadurch können hier tatsächlich Symptome einer Überfunktion wie Herzrasen, Nervosität oder Gewichtsverlust auftreten.

Das klinische Bild ist entsprechend sehr heterogen: Struma, Tachykardie, Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität bei Kindern, Minderwuchs, Hörminderung – aber auch ganz ohne Beschwerden ist ein Verlauf möglich. Häufig fällt die Erkrankung erst zufällig durch eine Routine-Laborkontrolle auf, oder weil eine "Überfunktion" trotz thyreostatischer Behandlung, Radiojodtherapie oder sogar Schilddrüsenoperation einfach nicht besser wird.

Diagnostisch entscheidend ist die Kombination aus erhöhtem freiem T3/T4 bei nicht supprimiertem TSH. Eine wichtige Differentialdiagnose mit demselben Laborbild ist ein TSH-produzierender Hypophysentumor (TSHom), der unbedingt ausgeschlossen werden muss, etwa durch eine Hypophysen-MRT und die Bestimmung der Alpha-Untereinheit. Eine positive Familienanamnese spricht für die RTH, da die Erkrankung autosomal-dominant vererbt wird. Gesichert wird die Diagnose durch eine molekulargenetische Untersuchung des THRB- beziehungsweise THRA-Gens.

Therapeutisch gilt bei der generalisierten Form: möglichst wenig eingreifen. Da der Körper die verminderte Hormonwirkung durch die erhöhten Spiegel bereits kompensiert, würde eine Schilddrüsen-dämpfende Behandlung (Thyreostatika, Radiojod, Operation) die peripheren Gewebe – die ja normal auf Hormon reagieren – in eine echte Unterfunktion drängen und die Beschwerden eher verschlimmern. Behandelt werden nur tatsächlich betroffene Organsysteme, etwa Herzrhythmusstörungen. Bei der selektiv hypophysären Form kann in Einzelfällen eine gezielte medikamentöse Therapie sinnvoll sein, um die TSH-Sekretion zu senken, ohne die peripheren Gewebe in eine Überfunktion zu treiben.

Gerade weil die Schilddrüsenhormonresistenz leicht mit einer klassischen Überfunktion verwechselt wird und eine falsche Behandlung hier mehr schaden als nutzen kann, lohnt sich bei untypischen Schilddrüsenwerten eine sorgfältige Einordnung. In der Onlinesprechstunde können wir Ihre Befunde gemeinsam besprechen und die sinnvollen nächsten diagnostischen Schritte planen.

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